Pre-Pack-Verfahren: Geschwindigkeit schlägt Perfektion
Sascha Haghani von der Hannover Finanz ordnet ein, warum Zeit der entscheidende Faktor beim Erhalt von Unternehmenswerten ist. Im Interview erläutert er zudem, warum Pre-Pack-Verfahren in diesem Zusammenhang an Bedeutung gewinnen.
Inhaltsverzeichnis
2. Wie setzen Sie da strategisch an?
3. Welche Rolle können Pre-Pack-Verfahren dabei spielen?
4. Pre-Pack bedeutet in der Konsequenz auch mehr Kontrolle und Planbarkeit in den Verfahren?
5. Welche Risiken sehen Sie bei Pre-Pack-Verfahren?
6. Die Zerschlagung ist auch bei Pre-Pack-Verfahren der Referenzpunkt
Herr Dr. Haghani, Sie haben die Einführung des StaRUG mitgestaltet und begleiten seit Jahren Restrukturierungen operativ. Wenn Sie heute auf die aktuelle Marktlage blicken: Warum rücken das Thema Geschwindigkeit in der Sanierung, und damit auch Pre-Pack-Verfahren, gerade jetzt so stark in den Fokus?
Haghani: Geschwindigkeit ist ausschlaggebend, weil es für diesen Erfolgsfaktor keine realistische Alternative gibt. Sehen Sie, es war bisher immer möglich, bei fehlendem Umsatz darstellen zu können, dass dieser früher oder später wiederkommt, dass man also aus Problemen herauswachsen kann. Mit Blick auf die Dekade, in der wir uns gerade befinden, ist das nicht mehr so. Wachstumsschwäche, Stagnation, Kostensteigungen und auch Inflation, sorgen dafür, dass viele Geschäftsmodelle in der klassischen Growing-Concern-Rolle nicht überleben können und, im Schumpeterischen Sinne, verschwinden.
Aber Sie sagen auch, dass das nicht alternativlos ist. Wie setzen Sie da strategisch an?
Haghani: Wir müssen das neu und weiterdenken – über Buy and Build hinaus. Konkret heißt das etwa, die fehlenden Topline-Effekte über die Synergien mit anderen Unternehmen zu kompensieren. Man denke etwa an einen Zulieferer frisch aus der Insolvenz, bei dem man bereits ganz früh schon strategisch andere Unternehmen einbringt. Ein Beispiel aus unserem Portfolio ist Gerhardi Kunststofftechnik. Wir hatten das Unternehmen 2025 aus der Insolvenz übernommen und etwa zeitgleich Freeglass gekauft, einen Spezialisten für Polycarbonat-Verglasung. Beide Unternehmen arbeiten nun strategisch zusammen. Diese Synergie ist essenziell für den fortschreitenden Unternehmenserfolg – und das hatten wir von Anfang an mitgedacht.
Welche Rolle können Pre-Pack-Verfahren dabei spielen?
Haghani: Verfahren müssen an Geschwindigkeit gewinnen, weil Geschwindigkeit Wertschutz bietet. Tempo bei der Sanierung bedeutet, dass operative Unsicherheiten deutlich verkürzt und damit reduziert werden können. Geschwindigkeit hilft dabei, ganz konkretes Enterprise Value zu sichern. Pre-Pack-Verfahren vereinen nun eben diese Geschwindigkeit und Passgenauigkeit mit einer sehr frühzeitigen Gestaltung.
Das heißt: Pre-Pack bedeutet in der Konsequenz auch mehr Kontrolle und Planbarkeit in den Verfahren?
Haghani: Ganz genau. Gut geplant ist die halbe Durchführung. Pre-Pack erlaubt, über die Kapitalstruktur nachzudenken, neue Finanzierungen frühzeitig aufzubauen, Debt-Equity-Swaps zu erwägen, die Government- und Eigentümerstrukturen zu sortieren, und andere Planungen vorwegzunehmen, um eben Geschwindigkeit in das Verfahren zu bringen.
Welche Risiken sehen Sie dabei?
Haghani: Ich sehe vor allem prozessuale Aspekte, die so ein Verfahren determinieren. Der Wunsch auf Finanzinvestorenseite ist berechtigterweise immer ein schnelles Eintauchen und wieder Rauskommen. Wie ein Brustschwimmer, der möglichst schnell eine Strecke zurücklegen will. Hier geht es um große Klarheit bei der Finanzierung. Wenn sich Dinge im Verfahren zwei, drei Mal verändern, wird das als unsicher interpretiert und Investoren nehmen Abstand. Und natürlich hört man auch immer wieder das Argument, dass aus Gläubigersicht eine maximale Preisrealisierung und ein möglichst transparentes, faires Verfahren im Vordergrund stehen müssen. Das ist auch richtig. Aber wir bewegen uns aktuell in einem wirtschaftlichen Umfeld, in dem die Fortführung eines Unternehmens oft deutlich mehr Wert schafft als dessen Zerschlagung.
Genau diese Zerschlagung ist ja immer der Referenzpunkt, auch bei Pre-Pack-Verfahren
Haghani: Richtig, und es besteht eben durchaus die Gefahr, dass Gläubiger oder Minderheitsgesellschafter den Eindruck gewinnen, ein Deal sei unter der Hand vorverhandelt worden. Diese Diskussion kennen wir auch schon aus dem Schutzschirmverfahren, wo die Wahrnehmung auch teilweise gelitten hat. Entscheidend ist deshalb, wer ein solches Verfahren begleitet und wie es umgesetzt wird. Es macht einen großen Unterschied, ob erfahrene, verantwortungsbewusste Restrukturierer und Sachwalter eingebunden sind, oder ob es Akteure sind, die lediglich einen vorab vereinbarten Deal möglichst schnell durchschleusen wollen. Dieses Risiko gibt es, und dem muss man frühzeitig entgegenwirken. Am Ende geht es aber immer um die Sicherung der Überlebenschancen des Unternehmens. Und aus Sicht von Investoren gilt ganz klar: Geschwindigkeit schlägt Perfektion. Ein guter 80/20-Ansatz, der schnell umgesetzt wird, ist oft deutlich mehr wert als eine vermeintlich perfekte 99/1-Lösung, wenn in der Zwischenzeit Wert verloren geht.
Ist das ein typisch deutsches Problem?
Haghani: Wissen Sie, wir neigen in Deutschland dazu, immer die hundertprozentige Sicherheit dokumentieren zu wollen, aber die Welt um uns herum tickt anders. Die wirtschaftlichen Rahmenfaktoren lassen es nicht zu, hier Zeit zu verlieren.
Wird Pre Pack also ankommen, um zu bleiben?
Haghani: Ich glaube ja! Alles, was sich bewährt, wird immer gerne genommen. Und wir sind eben im internationalen Wettbewerb. Ein Pre-Pack-Verfahren gibt uns Zeit und Beschleunigung, die wir sonst nicht hätten. Und alle Geschäftsmodelle, die unter Zeitdruck stehen, werden sich dieses Instruments bedienen. Und für die Risiken wird man gangbare Lösungen finden, da bin ich sicher.
Der Interviewpartner:
Dr. Sascha Haghani ist Managing Partner der Hannover Finanz. Darüber hinaus ist er Chairman des Investment Committees der HF Opportunities GmbH, einer Sparte der Hannover Finanz mit Fokus auf Sonder- und Restrukturierungssituationen. Neben seiner operativen Tätigkeit engagiert er sich in zahlreichen mittelständischen Familienunternehmen als Beirat, Aufsichtsrat oder im Verwaltungsrat und bringt seine Expertise darüber hinaus als Mitglied von Stiftungsgremien ein.