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Wir müssen Resilienz als konkrete Aufgabe begreifen

13. Oktober 2026 Blog Restrukturierung und Sanierung Wirtschaftsrecht

Dr. Stefan Kaufmann erläutert die Einsatzmöglichkeiten von grünem Wasserstoff und die Anstrengungen, die Deutschland unternehmen muss, um auf den schon fahrenden Zug noch rechtzeitig aufspringen zu können.

Herr Dr. Kaufmann, was versteht man unter grünem Wasserstoff?

Kaufmann: Wasserstoff ist das häufigste Element im Universum; es kann sich als natürlicher Wasserstoff in unterirdischen Gesteinsformationen anreichern. Die Exploration ist aufwendig. Man kann Wasserstoff aber auch herstellen. An dieser Stelle entscheidet sich, welche „Farbe“ der Wasserstoff trägt. Von grünem Wasserstoff sprechen wir dann, wenn er per Elektrolyse aus Wasser gewonnen wird und der dafür nötige Strom aus erneuerbaren Energien stammt. Nur dieser Wasserstoff ist wirklich klimaneutral.

Welche weiteren Wasserstoff-Farben gibt es?

Kaufmann: Grauer Wasserstoff wird aus fossilen Energieträgern hergestellt, in der Regel per Dampfreformierung aus Erdgas. Dabei entsteht viel Kohlendioxid, das ungenutzt in die Atmosphäre gelangt, die Klimabilanz ist entsprechend schlecht. Blauer Wasserstoff wird auf dieselbe Weise gewonnen, allerdings wird das anfallende Kohlendioxid hier abgeschieden und gespeichert, sodass es nicht in die Atmosphäre kommt. Er gilt deshalb als klimafreundlicher als grauer Wasserstoff, ist aber nicht wirklich klimaneutral, weil ein Teil des Kohlendioxids dennoch entweicht und die Förderung des Erdgases selbst Emissionen verursacht. Vereinfacht gesagt: Grün ist der Wasserstoff nur dann, wenn am Anfang der Kette erneuerbare Energie steht.

Und für was brauchen wir Wasserstoff überhaupt? Für Vieles haben wir doch bereits Strom aus Wind und Sonne

Kaufmann: Das ist ein verbreitetes Missverständnis. Für einen größeren Teil unseres Energiebedarfs ist der direkte Einsatz von grünem Strom tatsächlich der beste Weg. Aber es gibt Bereiche, in denen Strom an seine Grenzen stößt. Denken Sie an die Stahl- oder die Chemieindustrie. Dort brauchen Sie in vielen Prozessen ein Molekül, einen stofflichen Rohstoff, den Strom schlicht nicht ersetzen kann. Deshalb sage ich: Wir brauchen ein grünes Molekül. Ohne grünen Wasserstoff werden wir genau die Industrien nicht klimaneutral bekommen, die für den Wohlstand und die Wertschöpfung in diesem Land zentral sind.

Können wir Wasserstoff in Deutschland selbst erzeugen?

Kaufmann: Zu einem Teil ja, und diesen Teil sollten wir auch entschlossen ausbauen. Wir haben in Deutschland viel Windkraft, Photovoltaik und auch etwas Wasserkraft, wir haben weltweit führende Elektrolyseur-Hersteller und alles Knowhow, um auch sehr große Anlagen zu bauen. Aber der heimische Anteil wird nicht reichen. Der Wasserstoffbedarf unserer Industrie ist so groß, dass wir ihn allein aus eigener Erzeugung nicht decken können. 

Wo genau liegen diese Grenzen?

Kaufmann: Das ist letztlich eine Frage der Fläche und der verfügbaren erneuerbaren Energie. Um grünen Wasserstoff in den Mengen herzustellen, die etwa die Stahlindustrie benötigt, bräuchten Sie enorme Kapazitäten an Wind- und Solarstrom. Dieser steht in Deutschland nicht unbegrenzt zur Verfügung. Zudem ist er hierzulande teurer. Andere Regionen auf der Welt haben hier schlicht die besseren natürlichen Voraussetzungen. Mehr Sonne, mehr Wind, mehr Platz und dadurch deutlich günstigere Erzeugungskosten. Das heißt nicht, dass wir die heimische Produktion vernachlässigen dürfen, sie ist wichtig, auch als Kern einer eigenen Wertschöpfung. Aber wir werden immer auf Importe angewiesen sein; nur so bekommen wir die notwendigen Mengen zusammen. Wir gehen von einem Importbedarf in Deutschland für grüne Moleküle von bis zu 70% aus.

Was bedeutet diese Gemengelage für die Resilienz des Wirtschaftsstandorts Deutschland?

Kaufmann: Resilienz ist für mich das entscheidende Stichwort. Wir müssen als Wirtschaftsstandort widerstandsfähig sein, bei einem Rohstoff, der für unsere industrielle Zukunft zentral werden kann. Das heißt konkret: Wir dürfen uns nicht von einer einzigen Quelle oder einem einzigen Lieferanten abhängig machen, sondern müssen unsere Bezugswege breit aufstellen und zugleich eine eigene Erzeugung und eigene Technologiekompetenz erhalten. So hart es ist: Wir haben den Initialstart in Teilen verpasst und müssen diesen Rückstand nun aufholen. Umso wichtiger ist es, dass wir Resilienz nicht als Schlagwort behandeln, sondern als konkrete Aufgabe begreifen.

Ein sehr konkretes Anwendungsfeld ist der Stahl. Wie gelingt grüner Stahl, ohne die Branche zu gefährden?

Kaufmann: Der Anspruch muss sein, grünen Stahl herzustellen und dabei die deutsche Stahlindustrie nicht plattzumachen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge, die aber in der Debatte manchmal durcheinandergeraten. Wenn wir die Transformation so gestalten, dass die Unternehmen unter der Last zusammenbrechen, haben wir am Ende weder grünen noch überhaupt Stahl aus heimischer Produktion. Die Produktion wandert dann einfach ins Ausland ab, und zwar dorthin, wo die Klimastandards womöglich niedriger sind. Dem Klima ist damit nicht gedient und dem Standort erst recht nicht. Ziel muss es sein, den Umbau so zu begleiten, dass die Branche ihn auch tragen kann. Transformation und Bestandserhalt sind kein Widerspruch, sondern müssen zusammen gedacht werden. 

Die Prioritäten in der Haushaltsplanung haben sich aber spürbar verschoben. Wird der Markt das nicht von allein richten?

Kaufmann: Nein, das wird er nicht. Jedenfalls nicht in der Zeit, die uns bleibt, und nicht aus eigener Kraft. Das ist eine der wichtigsten Botschaften, die ich habe. Grüner Wasserstoff ist heute noch teurer als die fossilen Alternativen, und solange das so ist, wird sich der Markt nicht von selbst in die richtige Richtung bewegen. Es braucht in dieser Aufbauphase eine verlässliche öffentliche Förderung und eine H2-Infrastruktur, um überhaupt einen Markt entstehen zu lassen, auch um privaten Investoren die nötige Planungssicherheit zu geben. Meine Sorge ist, dass sich die Prioritäten in der Haushaltsplanung zuletzt verschoben haben und der Hochlauf nicht mehr die Bedeutung genießt, die er eigentlich haben müsste. Wer hier zu früh die Mittel zurückfährt, riskiert, dass genau die Investitionen ausbleiben, die wir jetzt anstoßen müssten.

Wo steht Deutschland am Ende im internationalen Vergleich und was muss jetzt passieren?

Kaufmann: Die gute Nachricht zuerst: Deutschland ist als Standort grundsätzlich gut aufgestellt. Wir haben die Forschung, wir haben die industrielle Basis, wir haben die Ingenieurskunst. Die Voraussetzungen sind vorhanden. Unser eigentliches Problem sind die hohen Produktionskosten und die Frage, ob wir den politischen Willen aufbringen, dranzubleiben. Denn während wir noch diskutieren, handeln andere längst. Wir dürfen das Momentum nicht verschlafen. Der Zug ist noch nicht abgefahren, aber er fährt, und wir müssen zusehen, dass wir aufspringen. Grünen Wasserstoff werden wir brauchen, die Frage ist nur, ob wir den Hochlauf selbst mitgestalten oder am Ende nur noch zuschauen und teuer einkaufen. Ich plädiere sehr dafür, dass wir gestalten.

Der Interviewpartner:

Dr. Stefan Kaufmann ist ehemaliger Innovationsbeauftragter „Grüner Wasserstoff“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung und war bis 2025 Mitglied des deutschen Bundestages.