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Die Wege des Drachen verstehen

13. Oktober 2026 Blog Restrukturierung und Sanierung Wirtschaftsrecht

Dr. Volkhard Emmrich vom China Desk von Management Link erläutert, warum sich das China-Bild wandelt, was das Land wirtschaftlich zum Umsteuern zwingt und weshalb der wahre Erfolgsfaktor im richtigen Mindset liegt.

Herr Emmrich, das politische, aber auch das wirtschaftliche Image Chinas hat sich stark verändert. Woran liegt es, dass sich viele deutsche Unternehmen mit der veränderten Situation schwertun?

Emmrich: Weil es für uns über viele Jahre sehr komfortabel gewesen ist: China war die verlängerte Werkbank und der Absatzmarkt für deutsche Premiumprodukte. Wir konnten die chinesische Wachstumswelle „surfen“ und uns gleichzeitig als moralische Instanz inszenieren - etwa mit erhobenem Zeigefinger in Sachen Menschenrechte und Taiwan. Oder anders formuliert: Wir waren wirtschaftlicher Profiteur und politische Moralinstanz in einem. Diese Doppelrolle lässt sich inzwischen aber schlicht nicht mehr aufrechterhalten. 

Was hat die deutsche Wirtschaft besonders überrascht?

Emmrich: Die Tatsache, dass China nicht länger den Löwenanteil der Gewinne unserer Automobil- und Maschinenbauindustrie beisteuern möchte, hat uns völlig überrascht. Hinzu kommt, dass wir in der Corona-Zeit sehr stark mit uns selbst beschäftigt waren. Die Chinesen waren das auch und haben gelernt, dass sie vieles selber können. Genau in dieser Zeit haben sich die Spielregeln in China drastisch verändert.

Was trieb das Land dazu, sein bisheriges Wirtschaftsmodell zu verändern?

Emmrich: Die alten Wachstumstreiber sind schlicht erschöpft. Der Bauboom, der in der Spitze über 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts getragen hat, ist zusammengebrochen, und mit ihm ein wesentlicher Bestandteil von Vermögen und Altersvorsorge. Das Land ist inzwischen gut erschlossen, der Nutzen weiterer Infrastruktur geht deutlich zurück. Gleichzeitig schrumpft die Bevölkerung. Seit rund zwei Jahren, allein 2025 um gut 3,4 Millionen Menschen und ausgerechnet die gut ausgebildete Jugend ist zu erheblichen Teilen arbeitslos. Beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt China mit knapp unter 14.000 Dollar zudem nur auf dem Niveau von Malaysia und Costa Rica. Vereinfacht dargestellt: Die klassischen China-Segmente der Weltmärkte wachsen nicht mehr. Der Weg zu höherem Wohlstand führt deshalb nicht über „mehr vom Gleichen", sondern über qualitatives Wachstum und höhere Wertschöpfungstiefe.

Wie sieht dieses neue Wirtschaftsmodell aus und auf welche Branchen setzt das Land konkret?

Emmrich: China 2.0 ist eine High-Tech-Wirtschaft mit eigener Energie- und Rohstoffbasis. Energieeffizienz wird zur zentralen Zielgröße für Produktion, Mobilität und Bau, getragen von kurzen Innovationszyklen. Der entscheidende Punkt ist die eigene Rohstoffbasis. Bei den klassischen Rohstoffen ist China importabhängig, bei den Zukunftsrohstoffen hingegen – also etwa seltene Erden, Lithium oder Graphit – hat es sich eine bestimmende Weltmarktposition erarbeitet, sowohl in der Gewinnung als auch in der Veredelung. Damit lässt sich Wertschöpfung im Land halten. 

Wie äußert sich diese Veränderung?

Emmrich: Der 15. Fünfjahresplan zeigt sehr konkret, wohin die Reise geht: China will sechs neue industrielle Säulen aufbauen. Halbleiter, Luft- und Raumfahrt, Biopharma, Low-Altitude Economy, neue Speichertechnologien und intelligente Robotik. Hinzu kommen sechs Zukunftsfelder wie Quantentechnologie, grüner Wasserstoff, Embodied AI und 6G. Für deutsche Unternehmen heißt das: Der Markt bleibt groß, aber „deutsch, technisch gut und teuer" reicht nicht mehr. Die besten Chancen liegen dort, wo man chinesische Unternehmen produktiver, energieeffizienter oder international wettbewerbsfähiger macht.

Wer in China erfolgreich sein will, muss also den Fünfjahresplan verstehen. Warum ist ausgerechnet dieses Instrument für einen deutsche Mittelständler so entscheidend?

Emmrich: Weil der Fünfjahresplan die verbindliche Rahmenvorgabe für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung ist. Die Umsetzung obliegt den Regionen, und der Wettbewerb der Regionen untereinander ist ausdrücklich erwünscht. Für die Führungselite entscheidet der messbare Beitrag zur Zielerreichung über die Karriere innerhalb der Partei. Das schafft eine echte Transparenz darüber, wo die Erfolgsaussichten am größten sind. Ein Beispiel: Beim Geschosswohnbau gibt es klare Vorgaben zur Energieeffizienz, und ein Hersteller von Sanitärpumpen bekommt konkret vorgegeben, welche Effizienz die nächste Pumpengeneration haben muss und bis wann sie verfügbar sein soll. Für ein deutsches Unternehmen heißt das: Wenn man die Regionen identifizieren kann, deren Kader kurz vor einer Schwelle in der Zielerreichung stehen und zu deren Zielen man mit seinem Angebot einen entscheidenden Beitrag leisten kann, ist man dort hoch willkommen. Es gilt eben das Sprichwort „Europa erfindet, China setzt um.“

Welche Strategie sollten deutsche Mittelständler verfolgen, um in China langfristig erfolgreich zu sein?

Emmrich: Der wichtigste Erfolgsfaktor ist aus meiner Sicht die fundamentale Lokalisation. Darunter verstehe ich den Aufbau einer selbständig agierenden Einheit, die sich wie ein chinesisches Unternehmen verhält. Nah am Markt, schnell bei Innovationen sowie flexibel in Entscheidungen und Prozessen. Dazu gehört, dass die lokale Organisation weitgehend eigenständig handeln kann und nur in begrenztem Maße aus Deutschland gesteuert wird. Auch Aktivitäten außerhalb Chinas sollten nicht zu stark reglementiert werden, damit die chinesische Einheit ihre Netzwerke und Marktkenntnisse optimal nutzen kann. Für viele Mittelständler bedeutet das ein Umdenken, weil etablierte Strukturen und Kontrollmechanismen hinterfragt werden müssen. Langfristig ist diese Eigenständigkeit jedoch eine zentrale Voraussetzung, um im chinesischen Markt erfolgreich zu sein.

Was ist Ihre Kernbotschaft an Unternehmen, die zögern?

Emmrich: Angst ist ein schlechter Begleiter auf dem Weg nach China. Den größten Volumenmarkt der Welt außer Acht zu lassen, wäre ein Fehler und wer sich nur von der medialen Berichterstattung treiben lässt, ohne sich ein eigenes Bild zu machen, verpasst die Chance auf nachhaltige Erfolge. Der beste Chinese sein zu wollen heißt, sich die Marktmechanik bewusst zu machen und ihre Erfolgsfaktoren strikt einzuhalten. Völlig unabhängig davon, wie Europa oder das Stammhaus in Deutschland tickt. Das verlangt unternehmerischen Mut und die Bereitschaft, die Angst vor dem Kontrollverlust zu besiegen. Aber die Devise ist am Ende ganz einfach: Wenn ich es nicht tue, macht es ein anderer.

Der Interviewpartner:

Dr. Volkhard Emmrich ist Mitglied des China Desk von Management Link. Er berät seit über 35 Jahren Unternehmen in Transformation und Strategieentwicklung. Seit 2026 ist er Gesellschafter der Core Industrial Partner in Köln, die operative Hilfestellung in China gibt.