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Eigenkapital ist kein Geschäftsmodell

18. September 2026

Viele Unternehmen verfügen über historisch hohe Eigenkapitalquoten. Doch ausgerechnet bei den Investitionen in Innovation und Transformation überwiegt die Zurückhaltung.

Inhaltsverzeichnis

  1. Eine gute Eigenkapitalquote ist für Unternehmen von besonderer Bedeutung
  2. 82 Prozent der befragten Unternehmen wollen Eigenkapital nicht erhöhen
  3. Investitionen für strategische Neuausrichtung in herausfordernden Zeiten nötig
  4. Jedes zweite Unternehmen hat noch keine transformatorischen Investitionen vor Augen 
  5. Eine nachhaltige Strategie sieht anders aus

Eine gute Eigenkapitalquote ist für Unternehmen von besonderer Bedeutung

Eine gute Eigenkapitalquote ist für Unternehmen von besonderer Bedeutung. Eigenkapital sichert die Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens und sorgt für Stabilität, Flexibilität und Unabhängigkeit - oder kurz: finanzielle Resilienz. Es schützt in Krisenzeiten wie der gegenwärtigen vor Schieflage und Insolvenz – und es ermöglicht eigenständiges Handeln, wenn es um neue Investitionen geht. Insofern ist es erst mal eine gute Nachricht, wenn sich 55 Prozent der mittelständischen Unternehmen beim Eigenkapital „gut“ oder sogar „sehr gut“ aufgestellt fühlen, wie eine aktuelle Untersuchung zu Wirtschaftslage und Finanzierung im Mittelstand zeigt, die das ikf – Institut für Kredit- und Finanzwirtschaft der Ruhr-Universität Bochum gemeinsam mit der Creditreform Wirtschaftsforschung durchgeführt hat. Das Besondere: die beiden Einrichtungen haben bereits vor rund 20 Jahren dieselben Informationen bei den Unternehmen erhoben. Die historischen Daten erlauben also eine Langzeitbetrachtung bei der Eigenkapitalentwicklung.

Und mehr noch: Es ist nicht nur ein „Gefühl“ – viele Firmen sind beim Eigenkapital tatsächlich solide aufgestellt: 36 Prozent der Mittelständler verfügen der Befragung zufolge derzeit über Eigenkapitalquoten von über 30 Prozent. Das ist der höchste Wert seit drei Jahrzehnten. Vor 20 Jahren beispielsweise waren es lediglich 21 Prozent. Ganz offensichtlich spielt eine gute Ausstattung mit Eigenmitteln in vielen Unternehmen eine große Rolle.

82 Prozent wollen Eigenkapital nicht erhöhen

Doch die Medaille hat gleich mehrere Kehrseiten. Zum ersten zeigt die gemeinschaftliche Analyse, dass es zu einer stärkeren Polarisierung gekommen ist. Denn immerhin 28 Prozent der mittelständischen Betriebe weisen Eigenkapitalquoten von gerade einmal zehn Prozent oder weniger auf. Dieser Wert hat sich im Laufe der Jahre kaum geändert. 

Zweitens fällt auf: 82 Prozent der befragten Betriebe planen keine Erhöhung ihrer Eigenkapitalquote. Dies trifft also zwangsläufig auch auf einen Teil der Unternehmen zu, die nur über wenig Eigenmittel verfügen, ihre Quote also dringend steigern müssten.

Drittens zeigt die Befragung, dass 79 Prozent der Mittelständler keine systematische Eigenkapitalplanung betreiben. Besonders häufig fehlt eine solche Planung bei Unternehmen aus der Baubranche, bei Einzelunternehmen, bei Betrieben mit Eigenkapitalquoten von weniger als 20 Prozent, bei Unternehmen mit Eigentümern aus dem privaten Umfeld sowie bei solchen Unternehmen, die Eigenkapital „von der Ertragslage abhängig“ machen. Selbst bei über 70 Prozent derjenigen Betriebe, die sich alles in allem als gut oder sogar sehr gut aufgestellt bezeichnen, fehlt die systematische Eigenkapitalplanung.

Knapp die Hälfte derer, die keine systematische Eigenkapitalplanung durchführen, begründen dies damit, dass das Tagesgeschäft ihnen keine Zeit dafür lasse. Ebenfalls ein Hindernis auf dem Weg zu mehr Eigenkapital: Vier von fünf Eigentümern – zu 77 Prozent alleinige Eigenkapitalgeber – sind laut der Befragung von ikf und Creditreform nicht bereit, weitere Eigenkapitalgeber aufzunehmen. Aus makroökonomischer Perspektive ein Fehler!

Investitionen für strategische Neuausrichtung in herausfordernden Zeiten nötig

Das Eigenkapital systematisch zu planen und zu stärken halten Experten wie Prof. Dr. Stephan Paul, Inhaber des Lehrstuhls für Angewandte Betriebswirtschaftslehre II an der Ruhr-Universität Bochum und Geschäftsführender Vorstand des ikf, jedoch für essenziell: „Transformation beginnt nicht mit der Technologie, sondern mit der Fähigkeit, sie finanzieren zu können. Deshalb brauchen Unternehmen eine strategische Eigenkapitalplanung.“

Dazu passt das Ergebnis einer Befragung des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) vom Frühjahr 2026: Die größte Herausforderung für die mittelständischen Unternehmen bleibt aus Sicht von Wirtschaftsverbänden, Wissenschaft und Wirtschaftspolitik die Sicherung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit. „Die aktuelle Befragung zeigt, dass die Expertinnen und Experten die Herausforderung ‚Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit‘ vor allem mit einer Steigerung der Arbeitsproduktivität sowie mit immer kürzer und komplexer werdenden Innovationszyklen verbinden“, teilte das IfM im Juni mit. Als grundlegende Voraussetzung würden hierfür die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz gewertet. Dafür sind, kann man ergänzen, Investitionen erforderlich.

Nun wird laut Paul der Transformationszwang inzwischen zwar von vielen Mittelständlern erkannt, auch wenn sie die Bedeutung der Nachhaltigkeit offenbar noch oder wieder unterschätzen würden. Doch angesichts des Veränderungsdrucks sei der mangelnde Wille zur Erhöhung der Eigenkapitalquote – auch durch Aufnahme neuer Gesellschafter – und der fast durchgängig fehlende systematische Umgang mit der zentralen Ressource Eigenkapital durchaus bedenklich. 

Jedes zweite Unternehmen hat noch keine transformatorischen Investitionen vor Augen

Die repräsentative Mittelstandsbefragung von ikf und Creditreform zeigt nämlich, dass mehr als jedes zweite Unternehmen noch keine transformatorischen Investitionen vor Augen hat. Zudem dominieren bei den Investitionen, die geplant sind, solche für „Effizienzsteigerungen/Kostensenkungen“, gefolgt von „Wachstum/Marktausbau“. „Technologische Erneuerungen“ taucht erst an dritter Stelle auf, die Verstärkung der „Nachhaltigkeit“ ist sogar nur das viertwichtigste Investitionsziel. 

Dies deckt sich mit Erkenntnissen anderer Organisationen. So heißt es etwa im „Wirtschaftslagebericht der IHK Bonn/Rhein-Sieg zum Frühsommer 2026“: „Nur 22 Prozent planen höhere Investitionen, 41 Prozent kürzen ihre Budgets weiter. Im Vordergrund stehen nach dem Ersatzbedarf vor allem Rationalisierungen. Für Transformation und internationale Wettbewerbsfähigkeit wird damit seit Jahren zu wenig investiert.“

Nun kann ein Unternehmen Investitionen ja auf verschiedene Weise finanzieren. Eigenkapital ist eine Möglichkeit, Bankkredite eine andere. Tatsächlich werden etwa ein Drittel der jährlichen Investitionen im Mittelstand über Kredite von Banken und Sparkassen realisiert, teilte die KfW Mitte April mit. Eine noch größere Bedeutung haben demnach lediglich Eigenmittel, zum Beispiel einbehaltene Gewinne; sie machen gut die Hälfte des Finanzierungsmixes aus. 

Allerdings lässt sich laut KfW bei der Investitionsfinanzierung seit geraumer Zeit eine wachsende Zurückhaltung in der Nutzung von Bankkrediten beobachten, die sich auch 2026 weiter verfestigt. Demnach sind nur noch 27 Prozent der Mittelständler in Deutschland grundsätzlich bereit, einen Bankkredit zur Investitionsfinanzierung aufzunehmen. Das ist der niedrigste Wert seit zehn Jahren. 2023 zogen noch 42 Prozent, 2017 sogar 66 Prozent der Unternehmen eine Kreditfinanzierung in Betracht.

Also auch hier: Zurückhaltung bei Investitionen. Die KfW sieht darin ein Problem: „Der Investitionsbedarf im Mittelstand insgesamt ist so hoch, dass externes Kapital unverzichtbar sein wird, um die Zukunft vieler Unternehmen zu sichern“, sagt Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt der KfW. „Ohne die grundsätzliche Bereitschaft mittelständischer Unternehmen, auch Kredite aufzunehmen, drohen notwendige Investitionsvorhaben auszubleiben.“

Eine nachhaltige Strategie sieht anders aus

Die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen in Deutschland geben Unternehmen derzeit wenig Anlass zu Optimismus. Hohe Energiepreise, ausufernde Bürokratie, regulatorische Unsicherheit und eine insgesamt schwache Konjunktur bremsen die Investitionsbereitschaft spürbar. Viele Unternehmen verschieben Entscheidungen, sichern Liquidität und warten auf bessere Zeiten. Das ist zwar kurzfristig nachvollziehbar. Eine nachhaltige Strategie sieht aber anders aus. Unternehmerische Verantwortung bedeutet auch, Unsicherheit und widrige Umstände auszuhalten und die Rahmenbedingungen mit zu gestalten, die vorhanden sind. Wer Transformation ausschließlich von besseren politischen Rahmenbedingungen abhängig macht, gibt einen Teil seiner unternehmerischen Gestaltungskraft aus der Hand. Die Insolvenzstatistiken zeigen, dass es noch einige „Schönwetterunternehmer“ zu viel in unserem Land gibt. Wir leben in Zeiten tiefgreifender technologischer, wirtschaftlicher und geopolitischer Umbrüche. Genau jetzt entscheidet sich, welche Geschäftsmodelle auch morgen noch rentabel und wettbewerbsfähig sind.

Die Politik hat die Pflicht wieder verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen und Investitionen ins Land attraktiver machen. Doch ebenso sind die Unternehmen gefordert, ihre Eigenkapitalbasis strategisch zu entwickeln und den Wandel aus eigener Kraft voranzutreiben. Wer nicht selbst gestaltet, läuft Gefahr, zum Spielball politischer Entscheidungen und geopolitischer Verwerfungen zu werden. Transformation ist kein Zustand, den man abwartet sondern ist Kern unternehmerischen Handelns.

Der Autor:

Patrik-Ludwig Hantzsch ist Leiter der Wirtschaftsforschung und Pressesprecher beim Verband der Vereine Creditreform in Neuss.