Deutschlands Werke und Chinas Beitrag: Die Automobilbranche als Trend-Indikator
Markus Exler spricht über den Aufstieg chinesischer Technologieunternehmen, die Folgen für deutsche Hersteller und warum jetzt in vielen Branchen ein Umdenken bei Geschäftsmodellen, Innovationen und internationalen Partnerschaften erforderlich ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Wie ist es aktuell um die Automobilindustrie des Wirtschaftsstandorts Deutschland bestellt?
2. Was läuft in der Automobilbranche falsch?
4. Die deutsche Automobilindustrie hat den Anschluss verpasst?
5. Aber es gibt doch immer mehr Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen
6. Was machen die Chinesen denn anders?
7. Was ist das Ziel dieser Strategie?
Herr Prof. Exler, manch einer sagt, die Automobilindustrie sei die Seele des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Wie ist es aktuell um das Seelenheil in Wolfsburg, Stuttgart oder Ingolstadt bestellt?
Exler: Leider bei weitem nicht so unbeschwert, wie man es sich wünschen würde. Sehen Sie: Noch 2024 haben die Automobilhersteller hier im Land rund 16 Milliarden Euro an Dividenden ausgeschüttet. Das sind Ergebnisse, von denen sie heute nur noch träumen können. Die Dividendenstudie der FOM Hochschule und der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz e.V. stellt etwa fest, dass die Dividendensumme der Automobilbranche in diesem Jahr im Vergleich zu 2024 um rund ein Drittel zurückgegangen ist.
Was sich in der Automobilbranche zeigt, ist also ein Indikator für was allgemein in Deutschlands Fabriken, Fertigungshallen und Werkstätten falsch läuft. Was sehen Sie da konkret?
Exler: Für mich exemplarisch ist da vor allem das Geschäft mit der Volksrepublik China. Deutschlands Automobilbranche verzeichnet ein massiv zurückgehendes China-Geschäft, trotz der enormen Exportquote. Und das spüren die Unternehmen ganz deutlich.
Woran liegt das?
Exler: Das hat verschiedene Gründe. So werden deutsche Premiumfahrzeuge, für die wir ja einmal in der ganzen Welt berühmt waren, in China als altbacken angesehen. Die interessieren die Kunden da einfach nicht mehr. Dazu kommt, dass wir bei den Themen Digitalisierung, KI und Batterieleistung nicht mehr in vorderster Linie mitarbeiten und die Entwicklungen antreiben. Das macht aber rund vier Fünftel des Werts aus und wir sehen ja auch, wie diese Themen die Wirtschaft im Allgemeinen verändern. Und schließlich sind die Kosten hierzulande einfach nicht wettbewerbsfähig. Ich besuche China mehrfach im Jahr und das wird mir alles immer wieder so gespiegelt.
Die deutsche Automobilindustrie hat den Anschluss verpasst?
Exler: Sie hat sich zumindest zu lange auf altbekannten Geschäftsmodellen ausgeruht und an Altbewährtem festgehalten. Die Verbrenner-Technologie, die in Deutschland führend entwickelt wird, ist da ein Beispiel.
Aber es gibt doch immer mehr Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen
Exler: Ja, aber es sind nicht genug. Aktuell sind etwa 18 Prozent aller Neuzulassungen E-Autos, im Vorjahr waren es noch 13 Prozent. Das klingt erstmal nicht schlecht, aber bislang sind es immer noch nur 3,3 Prozent am Gesamtbestand. Das Ziel ist 30 Prozent bis 2030. Das ist noch vier Jahre weg. In der Zeit tut sich auf dem Weltmarkt einiges. Die notwendige Lade-Infrastruktur entwickelt sich stetig, man denke da beispielsweise an die nur gut 215.000 öffentlichen Ladepunkte (zzgl. Privathaushalte und Unternehmen) in Deutschland (1 Mio. möchten wir bis 2030 schaffen), im Vergleich zu den rund 110.000 Zapfsäulen für Diesel und Benzin.
Was machen die Chinesen denn anders?
Exler: Das beginnt mit einem konsequenten „China first“, also der proaktiven Förderung der heimischen Automobilindustrie mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden Mitteln. Chinesische Käufer sind durchschnittlich 20 Jahre jünger als die in Deutschland, und sie sind sichtbar stolz auf die heimische Produktion. Dazu kommt, dass es mehr als 130 Hersteller gibt, die planwirtschaftlich organisiert und hochgradig subventioniert werden, wohlwissend, dass einige dieser Unternehmen trotzdem wirtschaftlich auf der Strecke bleiben. Das ist Teil der staatlichen Strategie.
Was ist das Ziel dieser Strategie?
Exler: Ziel ist, innerhalb eines überschaubaren Zeitraums unabhängig von europäischen Technologien zu werden und dann die wirtschaftliche Vorherrschaft gegenüber den Mitbewerbern zu erringen. Die Automobilindustrie ist ein Schritt auf dem Weg dahin. Andere sind der LKW-, der Schifffahrts- und der Flugzeugbereich, inklusive der Game-Changer-Technologie für große Stromspeicher. Chinas Solar-Kapazitäten sind bereits jetzt schon größer als die Stromerzeugung durch Kohle. Der Schlüssel ist also nicht mehr, diese Energie lediglich zu gewinnen, sondern sie zu speichern und zu transportieren.
Was heißt das alles für den Markt in Deutschland?
Exler: Sich auf Kooperation einzulassen, auch mit chinesischen Herstellern, und eine Varianten- und Komplexitätsreduktion voranzutreiben, anstatt zu kopieren. Überhaupt alles daran zu legen, in der technologischen Entwicklung wieder führend zu werden. Sehen Sie, ein „Weltauto“ wird es nicht mehr geben, es braucht deshalb flexible Lösungen, die schnell und regionalspezifisch für die unterschiedlichen Märkte entwickelt und hergestellt werden können, und auch das gilt für andere Branchen ebenso. Und wir müssen günstiger werden, gerade was die Produktion angeht. Der Standort Deutschland wird einfach immer weniger bezahlbar.
Von China lernen heißt also siegen lernen?
Exler: Nicht eins zu eins, nein. Das geht ja auch aufgrund der deutlich unterschiedlichen politischen und Wirtschaftssysteme gar nicht. Aber wir haben Punkte, bei denen wir hierzulande dennoch ansetzen können: So haben wir einen höchst unflexiblen Arbeitsmarkt, weil Entlassungen nur schwer umzusetzen sind. Wenn wir Arbeitsplätze nur über Insolvenzverfahren abbauen können, ist das der falsche Weg. Also muss die Politik an die Flexibilisierung des Arbeitsrechts ran. Dann haben wir immer noch viel zu hohe Energiekosten, gerade auch im europäischen Wettbewerb. Das beeinflusst Investmententscheidungen ganz massiv. Dazu kommt, dass der Ausbau erneuerbarer Energien nur dann Sinn macht, wenn wir gleichzeitig den Transport und die Speicherkapazitäten ausbauen. Und schließlich der ärgerliche Begriff der Bürokratisierung. Da sollte ebenfalls eingegriffen werden, soweit möglich. All diese Punkte sind möglich und in einem realistischen Zeitrahmen umsetzbar, und würden die deutsche Wirtschaft massiv stärken – und zwar nicht nur die Automobilindustrie.
Der Interviewpartner:
Prof. Dr. Markus W. Exler ist Partner der Kölner Strategie- und Transformationsberatung nexum AG sowie Gründungspartner des Beratungsunternehmens AKOMPANA. An der Hochschule Kufstein Tirol verantwortet er das von ihm gegründete Institut für Grenzüberschreitende Restrukturierung.