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Der Aufbau beim NPL-Volumen ist noch nicht abgeschlossen

18. September 2026 Blog Insolvenzrecht Restrukturierung und Sanierung Wirtschaftsrecht

Mit dem NPL-Barometer erhebt die Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing (BKS) jährlich ein Stimmungsbild der Risikoabteilungen der deutschen Banken. BKS-Präsident Dr. Marcel Köchling erläutert, warum 2026 der Fokus vor allem auf den Gewerbeimmobilien liegt – und was eine Stage-2-Pipeline von rund 470 Milliarden Euro für Sanierer und Restrukturierer bedeutet.

Herr Dr. Köchling, zunächst herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Wahl und der Rückkehr an die Spitze der BKS. Was hat sich am Markt verändert, seit Sie das Amt des Präsidenten zuletzt innehatten?

Köchling: Fast alles – außer seiner Bedeutung. Der Sekundärmarkt für notleidende Kredite ist heute ein regulierter, hochprofessioneller Markt. Auf Verkäufer- wie auf Käuferseite stehen sich erfahrene, spezialisierte Akteure gegenüber, und mit dem Kreditzweitmarktgesetz beaufsichtigt die BaFin die Kreditdienstleister. Das schafft Vertrauen, erhöht aber auch die Eintrittshürden. Genau in diesem Spannungsfeld sehe ich den Verband: Wir begleiten die Regulierung konstruktiv, dringen aber darauf, dass aus Aufsicht keine Bürokratie wird, die den Risikoabbau der Banken am Ende bremst.

Welche Schwerpunkte setzen Sie für Ihre Präsidentschaft?

Köchling: Meine drei Schwerpunkte werden die Regulierungsarbeit – insbesondere auf EU-Ebene – die Datenarbeit sowie der Dialog mit Banken, Aufsicht und Politik sein. Die Regulierungsarbeit ist auf Platz Eins, da der „administrative Aufwand“, nach dem wir im NPL-Barometer fragen, der höchste Einzelwert unserer gesamten Erhebung ist, das ist ein Alarmsignal. Die Datenarbeit ist aber nicht weniger wichtig: Mit dem NPL-Barometer, unserer neuen Datenplattform und einer Grundlagenstudie zu den Determinanten des deutschen NPL-Marktes wollen wir die faktenbasierte Stimme zum deutschen NPL-Markt sein. Der Dialog mit Banken, Aufsicht und Politik komplettiert das Schwerpunkt-Trio: Ein funktionierender Sekundärmarkt ist kein Selbstzweck – er hält die Bilanzen der Banken frei für neues Kreditgeschäft.

Was ist der zentrale Befund des NPL-Barometers 2026?

Köchling: Verstetigung auf hohem Niveau: Das Gesamtklima liegt bei 0,32 nach 0,31 im Vorjahr – klar im positiven Bereich, der für steigende Bestände und zunehmende Transaktionen steht. Noch spannender ist der Blick auf die längere Zeitachse: Die Stimmung drehte 2020 ins Positive, das gemeldete NPL-Volumen folgte ab 2023 – von rund 38 auf inzwischen gut 50 Milliarden Euro. Das Barometer läuft der Statistik um etwa drei Jahre voraus. Und es zeigt: Der Aufbau beim NPL-Volumen ist noch nicht abgeschlossen.

Die ausgewiesene NPL-Quote von 1,6 Prozent wirkt trotzdem moderat.

Köchling: Die eigentliche Geschichte steht eine Stufe davor. 15 Prozent des deutschen Kreditvolumens sind Stage-2-Kredite – Engagements mit deutlich erhöhtem Ausfallrisiko. Das ist der höchste Wert unter den großen EU-Ländern, gut anderthalbmal der europäische Schnitt, rund 470 Milliarden Euro. Wir schätzen, dass je nach Konjunktur daraus sieben bis acht, bei anhaltender Stagnation etwa zwölf, im Rezessionsfall bis zu 24 Milliarden Euro zusätzlicher NPLs pro Jahr werden könnten.

Das Barometer 2026 rückt die Gewerbeimmobilien in den Mittelpunkt. Wie ernst ist die Lage?

Köchling: Deutschland zählt hier zu den am stärksten belasteten Märkten Europas: Die NPL-Quote gewerblicher Immobilienfinanzierungen liegt bei 6,8 Prozent, rund 2,7 Prozentpunkte über dem EU-Durchschnitt. Wichtig ist aber die Verteilung: Der Stress konzentriert sich auf wenige spezialisierte Häuser, deren Quoten sich seit 2021 vervielfacht haben, während die Universalbanken nahezu unbewegt bleiben. Welche das konkret sind, zeigt unsere neue Datenplattform sehr gut. Und alle meldenden Institute sind komfortabel kapitalisiert. Die Frage ist also weniger, ob die Banken den Anstieg tragen können, sondern wie zügig sie die Engagements bearbeiten – durch Workout, Restrukturierung oder Verkauf.

Ist der Wendepunkt bei den Gewerbeimmobilien erreicht?

Köchling: Unser Befragten-Panel des NPL-Barometers erwartet eine Stabilisierung auf hohem Niveau, aber ich warne vor Entwarnung: Die am stärksten exponierten Spezialinstitute bestätigen die Beruhigung in ihren Bilanzen noch nicht. Bei den Preisen ist das Gros der Korrektur nach Einschätzung der Risikomanager zwar vollzogen – drei Viertel sahen die inländischen Gewerbeimmobilienpreise zuletzt noch fallen, für die kommenden zwölf Monate erwartet das kaum noch jemand. Das ist ein erwartetes Auslaufen des Anstiegs, kein belegter Wendepunkt

Warum kommen dann so wenige CRE-Portfolios an den Markt?

Köchling: Weil die Preisvorstellungen von Käufern und Verkäufern auseinanderliegen. Die Transaktionslage ist die größte Schere der Erhebung: Die Lage liegt bei 0,11, die Erwartung fast dreimal so hoch. Die großen gewerbeimmobilienlastigen Häuser halten ihre Bestände bislang und bearbeiten sie im Workout. Das ist aufgestauter Veräußerungsbedarf – sobald sich die Bewertungen annähern, wird er in den Markt gegeben.

Erstmals hat das Barometer auch vorinsolvenzliche Sanierungsinstrumente abgefragt. Mit welchem Ergebnis?

Köchling: Die Risikomanager setzen das StaRUG in seiner praktischen Bedeutung an die Spitze – vor Sicherheiten-Treuhand, Sanierungseigentümer und Debt-to-Equity-Swap. In der Fläche bleibt es mit zuletzt 87 angezeigten StaRUG-Verfahren bei unter einem Prozent der Fälle, kommt aber gerade in den Fällen mit großer Insolvenzmasse ins Spiel. Die Bedeutung dieses Sanierungsinstruments geht also über die reine Anzahl an Fällen hinaus.

Ihr Ausblick auf die kommenden zwölf Monate?

Köchling: Wir erwarten weiter wachsende Bestände auf gut 53 Milliarden Euro bis Ende 2027 und eine spürbare Belebung des Transaktionsgeschehens. Die Unternehmensinsolvenzen haben mit über 24.000 Fällen den höchsten Stand seit 2014 erreicht, und gerade die Mittelstandskredite sind das einzige Segment mit klar steigender Quotenerwartung. Das klingt nach Krise – aber es ist eben auch die Chance: Steigende Bestände treffen auf solide kapitalisierte Banken und einen Markt, den der neue Rechtsrahmen so professionell aufgestellt hat wie nie. Wer jetzt früh erkennt, konsequent restrukturiert und offen für den Sekundärmarkt ist, macht aus der Risikovorsorge von heute die Handlungsfähigkeit von morgen.

Der Interviewpartner:

Dr. Marcel Köchling ist seit Juni 2026 Präsident der Bundesvereinigung Kreditankauf und Servicing (BKS) – eine Rückkehr in ein Amt, das der Manager der PRA Group bereits in früheren Jahren innehatte.