Digitale Restrukturierung: Die beste Krise ist die, die nicht eintritt
Dr. Ludwig J. Weber von Schultze & Braun und Dr. Michael Klinkers von nexum erläutern, welche Vorteile der interdisziplinäre Ansatz für einen kombinierten Restrukturierungs- und Digitalisierungsprozess, die Digitale Restrukturierung, für Unternehmen hat.
Inhaltsverzeichnis
2. Wie ist die finanz- und leistungswirtschaftliche Restrukturierung angelegt?
3. Was ist im Anschluss an die Identifikation der Ursachen der nächste Schritt?
6. Welche Rolle spielt dabei die digitale Transformation von Geschäftsmodellen?
7. Wie können analoge Geschäftsmodell in ein digitales Format überführt werden?
8. Was kann das Ziel einer digitalen Transformation sein?
10. Gibt es weitere Unternehmensbereiche in denen digitale Kosteneinsparungen möglich sind?
11. Wie greifen digitale Restrukturierung und juristische Begleitung ineinander?
Herr Weber, Herr Klinkers, wohl selten haben sich Unternehmen gleichzeitig einer so großen Anzahl an wirtschaftlichen Herausforderungen gegenübergesehen. Zudem steigt die Notwendigkeit zur Digitalisierung. Wie können Unternehmen mit dieser Doppel-Belastung umgehen?
Weber: Die Zahl der wirtschaftlichen Herausforderungen steigt in der Tat seit Jahren deutlich an, und kein Unternehmen ist davor gefeit, in eine wirtschaftliche Schieflage zu geraten – gerade auch angesichts der Anforderungen durch die zunehmende Digitalisierung mit ihrem maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg von Unternehmen. Fakt ist: Unternehmen, die zu spät reagieren, riskieren ihre Wettbewerbsfähigkeit – nicht selten mit existenziellen Folgen. Wer frühzeitig handelt, kann Krisen aber nicht nur bewältigen, sondern aktiv verhindern. Umso wichtiger ist es daher, die Augen nicht zu verschließen, wenn ein Unternehmen auf eine Krise zusteuert oder sich bereits in einer befindet, sondern so früh wie möglich mit Gegenmaßnahmen zu beginnen – am besten dann, wenn die Krise noch nicht eingetreten ist und das Unternehmen noch finanzielle Reserven hat.
Klinkers: An diesem Punkt – denn die beste Krise ist die, die nicht eintritt – setzen wir von nexum und Schultze & Braun mit unserem interdisziplinären Ansatz „Digitale Restrukturierung“ für einen kombinierten Sanierungs- und Digitalisierungsprozess an. Dabei werden operative Punkte angegangen und digitale Prozesse etabliert und implementiert. Dadurch können Unternehmen ihre Effizienz und ihren Umsatz steigern, ihre Kosten reduzieren und ihre Geschäftsprozesse optimieren. Indem wir die nexum-Expertise in digitaler Transformation mit dem Ziel einer leistungswirtschaftlichen Sanierung und Weiterentwicklung und der Expertise in finanzwirtschaftlicher Restrukturierung von Schultze & Braun kombinieren, werden in den Unternehmen nicht nur Krisensituationen festgestellt und gemeistert, sondern auch nachhaltige und digitale Wege aus der Krise aufgezeigt.
Wie ist die finanz- und leistungswirtschaftliche Restrukturierung angelegt?
Weber: Zunächst werden die Ist-Situation analysiert und die finanz- und leistungswirtschaftlichen Restrukturierungsmaßnahmen geplant. Der ganze Prozess läuft in mehreren Schritten ab, die ineinandergreifen. Zunächst geht es darum, die Ursachen zu identifizieren: Eine Umstrukturierung kann in einem Unternehmen durch externe Einflüsse notwendig werden. Mitunter liegen die Gründe für eine mangelnde Zukunftsfähigkeit aber auch im eigenen operativen Geschäft, im Geschäftsmodell oder im direkten Umfeld des Unternehmens. Unabhängig davon, wo die Probleme liegen: Hat man die Herausforderungen identifiziert, kann man ihnen wirksam begegnen, noch bevor eine existenzbedrohende Unternehmenskrise eintritt.
Was ist im Anschluss an die Identifikation der Ursachen der nächste Schritt?
Weber: Für eine finanzwirtschaftliche Analyse wird in einem ersten Schritt ein stichtagsbezogener Finanzstatus erstellt. Dabei steht grundsätzlich die Fortführung des Unternehmens im Fokus und welche Maßnahmen notwendig sind, um diese zu ermöglichen. Gleichzeitig wird aber auch geprüft, ob unter Umständen eine Zahlungsunfähigkeit und/oder eine Überschuldung vorliegt – gerade auch mit dem Blick darauf, die handelnden Personen vor möglichen Haftungsrisiken zu schützen. Die Ertrags-, Liquiditäts- und Bilanzplanung werden miteinander verknüpft und neu zusammengefügt, um daraus eine qualifizierte Fortbestehensprognose abzuleiten und die finanz- und leistungswirtschaftlichen Restrukturierungsmaßnahmen zu planen.
Wie gehen Sie bei der Entwicklung der Soll-Situation und der Umsetzung der finanz- und leistungswirtschaftlichen Restrukturierungsmaßnahmen vor?
Weber: Zusätzlich zur positiven Fortbestehensprognose muss in einem Sanierungsgutachten bescheinigt werden, dass die Wettbewerbsfähigkeit und Rentabilität des Unternehmens mit geeigneten Sanierungsmaßnahmen wieder hergestellt werden können. Denn nur in einem solchen Fall wird das Unternehmen bei seiner Sanierung von Eigenkapital- oder Fremdkapitalgebern unterstützt werden. Das Sanierungsgutachten enthält grundlegende Informationen zu den wirtschaftlichen und rechtlichen Ausgangs- und Rahmenbedingungen des Unternehmens – ebenso zur Liquiditäts-, Vermögens-, Finanz- und Ertragslage. Zudem umfasst das Sanierungsgutachten eine detaillierte Liquiditäts-, Ertrags- und Vermögensplanung. Diese ist besonders wichtig für Fremdkapitalgeber, denn sie stützen ihre Entscheidung, ob sie ein Unternehmen in Zukunft weiter finanzieren, maßgeblich auf diese Planung. Die Qualität der Integrierten Planung und des Sanierungsgutachtens ist daher entscheidend für den Erfolg der Restrukturierung. Auf Basis der Erkenntnisse und der Planungen des Sanierungsgutachtens werden die finanz- und leistungswirtschaftlichen Restrukturierungsmaßnahmen umgesetzt.
Wie kann ein Unternehmen einer Krise mit präventiven Restrukturierungsmaßnahmen möglichst vorausschauend begegnen?
Weber: Vor allem kommt es darauf an, Krisenanzeichen und Risiken möglichst frühzeitig zu erkennen. Werden die Anzeichen richtig gedeutet und die Risiken durch konsequentes Gegensteuern ausgeschlossen, lässt sich eine existentielle Unternehmenskrise oftmals nicht nur eindämmen, sondern auch meistern. Darüber hinaus wird die Krisen-Resilienz des Unternehmens deutlich gestärkt.
Welche Rolle spielt dabei die digitale Transformation von Geschäftsmodellen?
Klinkers:Wir überprüfen das gesamte Unternehmen auf die Hebung von digitalen Potentialen und entwickeln ein konsistentes Modell, das umgehend implementiert werden kann. Alle relevanten Potentiale werden transparent erhoben. Die Umsetzung erfolgt entsprechend reibungslos und effizient, da die wirtschaftlichen Komponenten des neuen Modells bereits auf die juristischen Implikationen abgestimmt wurden. Entsprechend können sowohl auf der Umsatz- als auch auf der Kostenseite wesentliche Potentiale gehoben werden. Ein möglicher Hebel ist auch das Monetarisieren von Daten.
Wie können analoge Geschäftsmodell in ein digitales Format überführt werden?
Klinkers: Dabei kommen unterschiedliche Maßnahmen zum Einsatz. So kann etwa eine Software aufgesetzt werden, in der alle Daten, Dokumente oder E-Mails des zu restrukturierenden Unternehmens digital in einer einheitlichen Datenbank zusammenführt werden. Die Auswertung erfolgt dann KI-basiert. Zudem ist eine umfassende Analyse der aktuellen Marktsituation des Unternehmens sowie der Zusammensetzung des Produkt- und Leistungsportfolios, mit dem Ziel möglich, digitale Potentiale sowohl auf der Produkt-, Dienstleistungs- als auch auf der Marktseite branchenunabhängig zu erschließen.
Was kann das Ziel einer digitalen Transformation sein?
Klinkers:Es kann zum Beispiel darum gehen, vorhandene Daten zu monetarisieren, neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, KI-gestützte Anlagenstillstände zu minimieren, die Maschinenauslastungen zu maximieren, CRM Systeme aufzubauen beziehungsweise an die Gegebenheiten anzupassen oder Leads über Website und Newsletter zu generieren. Die Beispiele zeigen, dass den Zielen bei einer digitalen Transformation grundsätzlich keine Grenzen gesetzt sind.
Welche Einsparungen sind durch Effizienzsteigerungen und Optimierung von Geschäftsprozessen durch Digitalisierung möglich?
Klinkers: Nach der eingehenden Analyse der digitalen Potentiale und der Verbindung mit den angestrebten Zielen sollten alle weiteren betrieblichen Bereiche auf Kostenoptimierungspotentiale durch die Nutzung digitaler Werkzeuge untersucht werden. Folgende Bereiche sind hierbei beispielhaft zu nennen: Einsparung von Sach- und Personalkosten durch „Downsizing“ oder „Right-Sizing“ der IT-Infrastruktur, Verlagerung von Prozessen und Infrastruktur in die Cloud oder die Variabilisierung von Nutzungskosten.
Gibt es weitere Unternehmensbereiche in denen digitale Kosteneinsparungen möglich sind?
Klinkers: Ein weiteres gutes Beispiel ist der Einkauf. So sind etwa die Verlagerung von Prozessen auf digitale Einkaufsplattformen mit einhergehender erhöhter Transparenz bei der Suche nach Beschaffungsquellen, die Senkung von Einkaufskosten sowie Einsparungen von Personal im Einkauf zu nennen. Aber auch im Service gibt es Potentiale für Kosteneinsparungen – etwa durch die Automatisierung von Serviceprozessen durch Einführung von KI-basierten Assistenten, Chat-Bots und digitalen Service-Desks, Einsparungen beim Service-Personal und die Reduzierung von Kosten bei externen Service-Centern. Im Marketing können Werbe-Spendings durch Verlagerung in digitale Marketing-Plattformen mit einhergehendem Shift in effiziente Online-Medien reduziert werden. Im Personalbereich ist es durch digitales Recruiting mit gezielten Online-Kampagnen, die auf die unternehmensindividuellen Bedarfe zugeschnitten sind, möglich, Kosten zu reduzieren.
Wie greifen digitale Restrukturierung und juristische Begleitung ineinander?
Klinkers: Indem die digitale Vorgehensweise aus juristischer Sicht begleitet wird, wird ein integriertes Modell aufgebaut, das kurzfristig und effizient umsetzbar ist. Dabei spielen unterschiedliche Rechtsgebiete eine wichtige Rolle. Eine maßgebliche Rolle spielt zudem das Vertragsmanagement – ein Thema, das durch die Digitalisierung und die Transformation begleitet und optimiert werden kann. Neben der technischen Optimierung müssen dabei die notwendigen Abläufe anhand rechtlicher Erfordernisse angepasst werden – etwa Fristen, Umgang mit AGB, Mahnwesen, Verwendung von Standardverträgen und Eskalationsstufen während der Verhandlung und Abwicklung des Vertrages bis hin zum Zahlvorgang. Hinzu kommen unter Umständen interne Abläufe für die Abstimmung zwischen Einkauf und Verkauf. Bei Webshops oder Websites, die im Rahmen der digitalen Restrukturierung entwickelt und eingesetzt werden sollen, gibt es darüber hinaus notwendige Rechtsfragen zum IT-Recht.
Weber: Es zeigt sich: Mit dem Konzept der Digitalen Restrukturierung gibt es für Unternehmen in einer Krise, aber auch für solche, die absehbar auf eine Krise zusteuern, einen erfolgversprechenden Angang, um einer Notsituation vorzubeugen und entgegenzuwirken. Der passende Digitalisierungs- und Restrukturierungsweg sollte dabei gleichwohl immer individuell geprüft werden. In diesem Zusammenhang spielt eine fundierte Digital- und Krisenexpertise eine gewichtige Rolle.
Die Interviewpartner:
Dr. Ludwig J. Weber
ist Partner und Leiter des Bereichs Wirtschaftsrecht bei der mit rund 30 Standorten in Deutschland und dem europäischen Ausland vertretenen Kanzlei Schultze & Braun. Er ist mit seinem Team auf Unternehmensfinanzierungen und -restrukturierungen spezialisiert. Bei Schultze & Braun steht für die Spezialbereiche Sanierung, Restrukturierung und Insolvenz ein Expertenteam von über 500 Mitarbeitern bereit.
Dr. Michael Klinkers
ist Mit-Gründer und CEO der nexum AG. Die nexum AG ist einer der führenden inhabergeführten Digital-Dienstleister im deutschsprachigen Raum mit knapp 200 Mitarbeitern und Büros in Köln (Hauptsitz), Hamburg, Nürnberg, Biel und Valencia.