Wind beneath the wings und Meilensteine – bei Alitalia und dem italienischen Insolvenzrecht

Nach Air Berlin will die Lufthansa nun auch Teile der insolventen Alitalia übernehmen und hat dafür ein Angebot abgegeben. Bis zu einer endgültigen Entscheidung wird es aber noch etwas dauern; der Verkaufsprozess soll Ende April 2018 abgeschlossen sein. In der Luft gehalten werden soll die insolvente Airline bis dahin, indem die Laufzeit des Brückenkredits bis September 2018 verlängert wird und zusätzliche weitere 300 Millionen Euro fließen. Weitaus früher, nämlich am 11. Dezember, kommt aber ein wichtiger Meilenstein auf die Gläubiger zu: An diesem Tag endet die Frist, bis zu der sie ihre Forderungen anmelden können. Die Hoffnung, dass sie davon viel Geld zurückerhalten, dürfte jedoch gering sein. Es wird und bleibt also spannend – nicht nur bei Alitalia, sondern generell im italienischen Insolvenzrecht, für das der Gesetzgeber im Oktober eine Reform gebilligt hat. Hier stehen also ebenfalls größere Veränderungen an.

Wir wünschen eine interessante Lektüre.

Alessandro Honert
Avvocato
Rechtsanwalt

Chiara Fiorini
Avvocato
Gestore dell’OCC presso l’Ordine degli Avvocati di Bologna

Alessandro Honert

Chiara Fiorini

 

Wind beneath the wings und Meilensteine – bei Alitalia und dem italienischen Insolvenzrecht

„I could fly higher than an eagle, you are the wind beneath my wings“ – so singt Bette Middler in ihrer legendären Version des Song-Klassikers Wind Beneath My Wings. Und genauso so sehr, wie sich Bette Middler über die metaphorische Luft unter ihren Flügeln freut, könnte das bei Alitalia bald im Zusammenhang mit der wortwörtlichen Luft unter den Schwingen der hauseigenen Flotte der Fall sein. Schließlich befindet sich Italiens Staatsairline seit einiger Zeit schon in einem gefährlichen Sinkflug. Doch jetzt könnte Alitalia wieder neuen Schub erhalten, denn die Lufthansa möchte Teile der insolventen Fluglinie erwerben. Die Details sind noch nicht öffentlich, die italienische Zeitung „Corriere della Sera“ berichtet allerdings, dass es um einen Kaufpreis von bis zu 250 Millionen Euro gehen soll. Zum Vergleich: Bei Air Berlin zahlte die Lufthansa rund 210 Millionen Euro.

Neben der Lufthansa sind aber noch eine Reihe schwergewichtiger Mitbewerber im Rennen: Beispielsweise der britische Billigflieger Easyjet, der laut dem Handelsblatt seine Finger auch nach Fliegern der Air Berlin und der ebenfalls insolventen britischen Monarch ausstreckt. Oder Delta Airlines aus den USA sowie der ehemalige Mehrheitseigner Etihad, der bis Mai noch 49 Prozent der Anteile an Alitalia hielt. Wer welche Teile von Alitalia bekommen und wieviel Geld dafür in die Hände nehmen muss, ist noch unklar. Spannend wird der Bieterkampf aber auf jeden Fall, gerade für die Gläubiger.

11. Dezember – Meilenstein für Gläubiger

Die können ihre Sitze nämlich schon einmal in eine aufrechte Position bringen und die Tischchen hochklappen, denn der Landeanflug ist nahe. Der Verkaufsprozess soll offiziell Ende April finalisiert werden, was Klarheit über die große Frage bringt: Wer bekommt wieviel Geld zurück? Etwas Zeit zum Durchatmen wird dabei durch die Verlängerung des Brückenkredits gewährt, der von November dieses Jahres auf September 2018 verlängert wurde. Das heißt im Klartext: 300 Millionen Euro zusätzlich, was den Brückenkredit von Anfang Mai auf 900 Millionen Euro erhöht.

Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zum Verfahrensabschluss ist jedoch der 11. Dezember. An diesem Tag endet die Frist, zu der Gläubiger der Alitalia ihre Forderungen anmelden können. Danach bleibt ihnen nur noch der Weg über die sogenannte verspätete Forderungsanmeldung. Gläubiger, deren Forderungen nicht festgestellt werden, haben keine Aussicht, irgendeinen Teil ihrer Forderung zurück zu bekommen. Allerdings: Auch zur Tabelle festgestellte, aber nicht-bevorrechtigte Gläubiger müssen damit rechnen, auf ihren Forderungen sitzen bleiben. Denn aus der Insolvenzmasse wird vorrangig die Rückzahlung des Übergangskredits erfolgen müssen und sodann – wenn und soweit dann noch Masse verblieben ist – die Gläubiger mit Vorrecht zu bedienen sind.

Ob es Alitalia gelingt, das Vertrauen der Kunden und Anleger zurückzugewinnen, wird sich zeigen. Die Starthilfe durch die Lufthansa dürfte sich auf jeden Fall positiv auf das Image der flügellahmen Alitalia auswirken – was auch denkbar dringend nötig ist. So oder so ist die Situation von Alitalia ein textbuchartiges Beispiel dafür, in Zukunft lieber früher als später die Werkzeuge des Insolvenzrechts zu nutzen. Denn Krisen, die früh erkannt werden, können unter Umständen noch umflogen werden und sorgen lediglich für Turbulenzen und nicht für den Absturz. Der Autopilot ist in diesem Fall – wie bei den meisten ernsten Problemen – keine brauchbare Strategie.

Insolvenzrechtsreform in Italien

In Italien steht derweil eine umfassende Reform des Insolvenzrechts an, die der italienische Gesetzgeber gebilligt hat. Zu den zentralen Änderungen gehören etwa Bestimmungen, die ein einheitliches Konzerninsolvenzverfahren für eine Mehrzahl unterschiedlicher Gesellschaften ermöglichen und die es ab April in anderer Form auch in Deutschland geben wird. Außerdem sollen Instrumente und Verfahren eingeführt werden, um Krisen mittels verschiedener Analysen frühzeitig zu erkennen und dann durch Verhandlungen mit den Gläubigern zu überwinden. Auch sprachlich tut sich einiges: So soll der Begriff „Konkurs“ (fallimento) durch „gerichtliche Liquidation“ (liquidazione giudiziale) ersetzt werden, um die Stigmatisierung betroffener Unternehmen zu verhindern und Vertrauen zu erhalten.

Es zeigt sich also: Die Ziele, die der italienische Gesetzgeber mit der anstehenden systematischen und umfassenden Reform des Insolvenzrechts, das in seinen Ursprüngen noch auf das Jahr 1942 zurückgeht, sind ehrgeizig und werden zum Teil weitreichende Veränderungen zur Folge haben. Die Reform soll innerhalb der nächsten zwölf Monate mit Dekreten umgesetzt werden, die noch von der Regierung verabschiedet werden müssen. Es wird und bleibt also spannend – bei Alitalia und im italienischen Insolvenzrecht generell.

Avvocato, Rechtsanwalt Alessandro Honert

Avvocato Chiara Fiorini, Überschuldungsverwalterin der Dienststelle der Anwaltskammer Bologna


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